Eva-Hoffmann-Aleith-Preis 2018

2018 – das ist ein Jahr der Verwandlungen. Der eine denkt dabei jetzt vielleicht an Politik oder Wirtschaft, der andere an Kultur und Sport. Aber auch im Bereich der Preisverleihungen war bisher schon einiges anders: mit dem „Echo“ hat es sich nach langen Diskussionen scheinbar „ausgesungen“, Christiano Ronaldo konnte sich ausnahmsweise mal nicht die Trophäe für den „Weltfußballer des Jahres“ mit nach Hause nehmen und auf einen Literaturnobelpreis können wir uns auch nicht freuen.

Aber eine ganz besondere Auszeichnung wurde 2018 wieder verliehen: der Eva-Hoffmann-Aleith-Preis für junge Literatur. Alle zwei Jahre bekommen kreative Schüler aus der Umgebung die Chance, ihr Schreibtalent unter Beweis zu stellen und einen eigenhändig verfassten Text einzureichen. Im Mittelpunkt stand dieses Mal das Thema „Verwandlung“.

Die Gewinner wurden von einer fachkundigen Jury ausgewählt und bei einer feierlichen Preisverleihung für ihre literarischen Werke ausgezeichnet.

Hier finden Sie die lyrischen und epischen Texte der Preisträger unserer Schule.

 

Jahreswandel

Der Schnee bedeckt Wald und Flur,
Flüsse und Seen sind überzogen von Eis,
draußen friert’s, es ist die Kälte pur,
doch die Landschaft ist wunderschön und weiß.

Der Schnee ist weg, die Vögel kommen,
die Blüten zeigen ihre Farben,
die ersten Blumen sind der Erde entronnen,
und Bienen bauen wieder ihre Waben.

Der Himmel ist blau und wolkenfrei,
Kinder springen munter ins Wasser und freuen sich dabei,
Mücken jagen einen bis zum geht nicht mehr,
und das Wasserglas ist ständig leer,

Die Bäume zeigen ihre bunten Blätter,
und das auch bei stürmischem Wetter,
die Vögel fliegen in den Süden,
und einige Tiere werden bald ermüden.

Jannis Moser, Klasse 8b

 

Das Geheimnis der Schatten

Tommy lag wach in seinem Bett, er sah einen Schatten, ohne Begleiter in seinem Zimmer stehen. Er wusste nicht, was er tun sollte. Aus dem Zimmer rennen? Die Polizei rufen? Aber niemand würde ihm glauben! Tommy wusste, dass es keine herrenlosen Schatten gibt und sagte: „Komm raus aus deinem Versteck oder soll ich dich suchen?“ Der Schatten kam langsam auf ihn zu und rief: „Ruhig, ich will dir nichts Böses!“ Eingeschüchtert sagte Tommy: „Du bist ein Schatten! Ohne Führer?“ „Ja“, kam es schnell zurück. „Ich bin ein Schatten ohne Führer und nicht der Einzige, der so erscheint. Es gibt unzählige von uns. Alle Menschen, die gestorben sind, haben Schatten. Diese verbleiben nach dem Tod in einer Übergangswelt.“ Als Tommy das hörte, war ihm seltsam zumute. Aber ihm war immer noch nicht klar, warum der Schatten bei ihm war. Als wenn dieser Gedanken lesen konnte, sagte er: „Ich bin hier, weil du mich sehen kannst. Das kann nur jemand, der dem Tod nah ist.“ Tommy war verdutzt und erschrocken zugleich! Er war doch erst 12 Jahre alt? Warum und wie konnte er dem Tod so nahe sein? Das konnte nicht sein. Und er fragte: „Was tust du jetzt mit mir?“ „Ich werde dich ins Geheimnis der Schatten einweihen!“ Tommy und der Schatten verließen das Haus. Dabei merkte Tommy, dass dieser der einer Frau war. Sie gingen in den Garten. Er konnte nicht glauben, was er sah. Im Pool waren Unmengen von Schatten, sogar auf den Stühlen saßen welche, andere tanzten friedlich miteinander. Man sah Umrisse von Frauen und Männern, sogar Kindern. Es war eine Art Party, die keiner hörte. Tommy lief zwischen ihnen hin und her. Auf einmal löste sich die Welt um ihn herum auf. Er wurde nach oben zum Himmel gezogen und es wurde kalt. Er hatte das Gefühl aus dem dem Wasser gezogen zu werden. Er sah blaue Lichter um sich herum und erinnerte sich. Er war auf den zugefrorenen See gelaufen. Er erinnerte sich an das Warnschild, er hatte es gelesen, aber ignoriert. Ein lautes knackendes Geräusch ertönte, bevor er in der dünnen Eisdecke einbrach. Er wusste, er war dem Tod nahe. Aber das, was er gerade erlebt hatte, erschien wie ein Traum und diese Welt war nicht real. Oder doch? Verwandelte man sich in ein Schattenwesen und war in einer Zwischenwelt unterwegs? War es eine Schutzfunktion des Körpers? Er würde niemals jemanden von diesem Erlebnis erzählen. Da wurde es schwarz vor seinen Augen und er hörte, dass ein Motor gestartet und das Martinshorn aktiviert wurde. Er schlief ein.

Johann Sielaff, Klasse 8b

 

Die Verwandlung in mich

Sie dachten ich wäre schwul, aber das bin ich nicht. Gemobbt haben sie mich, ausgeschlossen. Durch sie fühlte ich mich schlecht und schwach. Mit dem Finger zeigten sie auf mich und tuschelten, doch warum? Weil ich anders bin als sie? Mein Name ist Bennet und ich bin 15 Jahre alt. Nachdem Sie die ersten Zeilen gelesen haben, denken Sie bestimmt so etwas wie: “Ach mal wieder ein Teenager der über seine Problemchen jammert. Als hätten wir nicht genug mit uns selbst zu tun.“. Oder? Aber bitte geben Sie dieser Geschichte eine Chance und lesen Sie bis zum Ende. Dann können Sie ja immer noch sagen: “ Habe ich es doch gleich gesagt.“. Schon mit fünf Jahren bemerkte ich, dass ich anders war als die anderen. Alle meine Freunde spielten mit Rittern und interessierten sich für Fußball. Etwas früh wie ich finde, aber es lag nicht an dem Alter. Nein. Ich war einfach anders. Ich spielte lieber stundenlang in meinem Zimmer mit den Puppen, die ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte. Später schlich ich mich dann in das Schlafzimmer meiner Eltern und zog mir Mamas Sachen an. Es war nicht zu vermeiden und wahrscheinlich war es auch gut so, denn bald bemerkten es meine Eltern und redeten mit mir darüber. Ich wurde zu unzähligen Ärzten und Psychologen geschleppt, doch auch sie konnten mich nicht von meinen Empfindungen abbringen. In diesen Momenten begriff ich etwas, was ich eigentlich schon all die Jahre zuvor festgelegt hatte. Ich bin transsexuell. Bestimmt fragen Sie sich jetzt was wohl meine Eltern dazu gesagt haben. Es ist eine sehr gute Frage und an dieser Stelle auch sehr wichtig zu erwähnen. Denn meine Eltern haben sehr gefasst reagiert. Es entsprach nicht meinen Erwartungen, aber dafür meinen Wünschen, was um einiges mehr Wert ist. Die Tatsache, dass meine Eltern das alles akzeptierten befreite mich von einer unglaublich schweren Last. Ich hatte erwähnt, dass ich zu unzähligen Ärzten geschleppt wurde, aber das taten sie nur um sich zu vergewissern, dass ich es auch wirklich ernst meinte. Sie unterstützten mich mit allem und wir beschlossen gemeinsam den Schritt der Veränderung zu gehen, da auch sie erkannten wie es mir in diesem Körper geht und wie sehr ich doch leide. Meine Eltern waren also kein Problem. Aber da ist noch mein Bruder, als Problem darf man ihn in dieser Hinsicht nicht sehen, aber er kam nicht so recht mit der Situation klar. Julius ist 21 Jahre alt und das Ideal eines jungen Mannes. Auf Grund seiner regelmäßigen Besuch im Fitnessstudio ist er sehr durchtrainiert, er hat eine hübsche Freundin und ist bei allen beliebt. Das sind wahrscheinlich alles Gründe dafür, dass er meine Entscheidungen und Empfindungen nicht ganz verstehen kann. Er fühlt sich in seinem Körper wohl, lebt es aus er selbst zu sein. Trotz all dem kommen wir sehr gut miteinander klar. Nachvollziehen kann er es nicht, noch nicht, aber er akzeptiert es und unterstützt mich genau wie meine Eltern. Wir reden oft stundenlang und manchmal versuche ich ihm dann auch zu erklären wie es ist so zu sein wie ich. Meistens sage ich dann er soll sich vorstellen, dass er genauso fühlt wie jetzt, sich genauso verhält nur dabei sieht er aus wie ein Mädchen. Er sagt mir dann immer, dass er sich das nicht vorstellen kann. Ist ja auch schwer, aber genau so ergeht es mir Tag für Tag . Bis ich 18 Jahre alt bin. Ich habe vor mich um operieren zu lassen, dass ich dann auch für andere so aussehe als wäre ich ein Mädchen, denn ich bin eins. Doch ich habe die Hoffnung, dass mein Bruder all das eines Tages verstehen kann noch nicht aufgegeben. Wie sagt Mom immer so schön, die Hoffnung stirbt zuletzt. Meine Sachen liegen auf dem Boden verteilt, ich stehe vor dem Spiegel und schaue mich an. Nehme meinen gesamten Körper wahr, all seine Einzelheiten, all das was ich so sehr an ihm hasse. In mir zieht sich alles zusammen und ich merke wie mir die Tränen über die Wangen laufen. Am Anfang noch kontrolliert ,doch ein paar Minuten später finde ich mich schluchzend und mit Tränen überströmten Gesicht zitternd auf den Fliesen wieder. Ein erbärmliches Häufchen Elend blickt mir mit glasigen Augen entgegen. Es dauert eine Weile bis ich realisiere, dass das ich bin. Wieder einer der Momente in denen sich zeigt, wie sehr ich unter der Pubertät leide. Ich muss mit ansehen wie sich mein Körper in die falsche Richtung verändert und ich weiß die ganze Zeit, dass ich nicht viel tun kann, jedenfalls noch nicht. Alles was ich im Moment darf, dass ist das Einnehmen von Hormonblockern. Sie stoppen die Pubertät lassen jedoch keine andere, die Richtige, beginnen. Ich bin aber sehr dankbar für diese Medikamente, da sie mich nicht so sehr leiden lassen. Sie geben mir die Sicherheit, dass alles gut wird, dass alles richtig wird. In diesem Moment kommt Julius zur Tür herein. Er sieht mich dort liegen, Tränen überströmt, blass. Im ersten Augenblick ist er etwas verwirrt ,aber kurz darauf spüre ich seine Hand auf meinem Rücken, er wischt mir vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht und flüstert mir leise ins Ohr : „ Emma ,warum weinst du? Siehst du nicht wie schön du bist?“. Dies löste etwas in mir aus, was man mit Worten nicht beschreiben kann. Emma, ja so nennt er mich immer wenn ich gerade mal wieder an mir zweifle. Den Namen haben wir uns zusammen überlegt. Er bedeutet Wunder, einen passenderen Namen hätten wir wirklich nicht finden können. Mom, Dad und auch Julius bezeichnen mich immer wieder als kleines Wunder. Es ist wahrscheinlich die Ruhe und Vertrautheit die er ausstrahlt, denn ich erzählte ihm jetzt alles. Wie meine Klassenkameraden mich ausschließen, mich beleidigen, dumme Witze reißen und all das . Dabei liefen die Tränen nur so, die ganze Zeit trage ich diese Last auf meinen Schultern, habe niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Darum schätze ich die Zeit mit meinem Bruder so sehr. Es fühlt sich so an, als würdest du nach einer langen, anstrengenden Reise nachhause zurück kommen. Während ich rede hört er mir aufmerksam zu und unterbricht mich nicht. Lässt mich reden, all der Kummer, der Frust, die Angst vor dem was morgen kommt. All das findet nun seinen Weg nach draußen. Ich breche in seinen Armen zusammen, merke erst jetzt wie mir das alles zu schaffen macht, wie erschöpft ich bin, wie fertig von all dem . Leise dringen seine Worte zu mir durch:„Weißt du Bennet, die haben doch alle gar keine Ahnung von dem wer du bist. Solche Leute können dich vernichten, aber nicht, wenn du selbst an dich glaubst. Wir können nur hoffen, dass diese Menschen einmal verstehen, um was es wirklich im Leben geht und glaube mir, wenn ich dir sage, dass du es schon längst verstanden hast. Bis es soweit ist, reicht es wenn wir beide wissen, was wir wollen, wissen wer wir sind und was es bedeutet du selbst zu sein. Auf uns wartet noch ein sehr langer Weg, der uns sehr viel Kraft kosten wird ,aber zusammen werden wir es schaffen. Ich liebe dich. Du bist und bleibst für immer meine kleine Emma.“.

Ronja Fischer, Klasse 9a

 

An mein Spiegelbild

Liebes Spiegelbild,

die Zeit ist reif für Ehrlichkeit
und soll ich dir was sagen?
Du könntest hier und da vielleicht
Veränderung vertragen.

Schon länger schau ich dabei zu,
wie du dich ständig hetzt.
Du denkst nur an die Zukunft
und verpasst dabei das Jetzt.

Du klebst zu sehr am Handy,
denn du willst erreichbar sein.
Denkst, dein Smartphone gibt dir Freiheit,
dabei engt es dich nur ein.

Du könntest sicher fliegen,
von New York bis in die Eifel,
aber kaum nimmst du mal Anlauf,
überfallen dich die Zweifel.

Ich finde es echt furchtbar,
dass du oft so launisch bist,
doch weißt du, was bei weitem
am allerschlimmsten ist?

Dass du alles so sehr festhältst,
ganz besonders deine Angst,
und dass du dabei viel zu oft
viel zu viel von dir verlangst.

Doch ab jetzt werden wir handeln!
Es ist Zeit, sich zu verwandeln!

Wir können uns entwickeln,
also lass uns nicht mehr warten!
Veränderung erreicht man nicht
durch Worte, sondern Taten.

Ich schalte unsere Handys aus,
du gibst uns beiden Schwung.
Wir fühlen uns unerreichbar
und dann wagen wir den Sprung.

Wir breiten unsere Flügel aus
und trotzen allen Turbulenzen,
und wenn wir fortan zweifeln wollen,
dann nur an unsichtbaren Grenzen.

Lass den Kopf nicht hängen
und dann siehst du, was du kannst!
Wir werden es beenden,
dieses Festhalten der Angst.

Denn was du zu sehr festhältst,
das hält dich bloß zurück.
Wer loslässt, hat die Hände frei
für seinen Teil vom Glück.

Alles Liebe,
dein Zwilling aus Fleiß und Mut.

Juliane Vogler, Klasse 11

 

Die Welt mit anderen Augen sehen

„Schönen Tag noch! “. „Auf Wiedersehen! “, sage ich, gehe durch die große Eingangstür und verlasse somit meinen Optiker des Vertrauens. Auf dem Weg zum Parkplatz muss ich schmunzeln, da mir jetzt erst aufgefallen ist, dass ich zu einem Optiker „Auf Wiedersehen“ gesagt habe. „Und ?“, fragt meine Mutter mich neugierig, „Wie siehts aus?“. „Schön scharf.“ Ich mag das Gefühl, wenn man seine neue Brille zum ersten Mal trägt. Man könnte es vielleicht mit einem Fernseher vergleichen, von der alten Röhre zum modernen HD Flachbildschirm. Immer erst dann, wenn ich das neue Modell zum ersten Mal trage, bemerke ich, wie schlecht ich davor gucken konnte. Die Welt ist wie „verwandelt“. Wenn ich nun zu einem Baum hinaufschaue, bemerke ich Kleinigkeiten, die mir davor nicht wichtig waren. Kleine Verästelungen, Blätter und Vogelnester. Für Menschen, die noch nie Probleme mit ihren Augen hatten, klingt das wahrscheinlich sehr banal, aber für diese ist es auch Alltag. Natürlich hält das „Verträumt in die Bäume schauen“ nicht ewig an, denn irgendwann gewöhnt man sich auch daran, aber für eine kurze Zeit ist es ganz interessant. „Darf ich mal aufsetzten? “, fragt mich meine Freundin. Kurzerhand schnappt sie mir die Gläser vom Kopf und schaut durch sie hindurch. „Bist du aber blind, ich kann ja gar nichts erkennen, da kriegt man doch Kopfschmerzen.“, „Warte mal, ich will auch!“. Nun wird meine Brille in meinem Freundeskreis herumgereicht. Der erste Tag in der Schule und schon ist meine Brille geschmückt mit Fingerabdrücken. Natürlich wird festgelegt, wem diese am besten steht, bevor sie den richtigen Besitzer wiederfindet. Vom ganzen Spaß bekomme ich eher wenig mit, weil ich ohne meine Sehhilfe blind wie ein Maulwurf bin. Aber nicht nur der Ausblick verändert sich, eine Brille kann auch den Look einer Person beeinflussen, ob eckig oder rund, Kunststoff oder Metallrahmen, normale oder Gläser, die dunkler werden, wenn man im Hellen ist. Und manche Brillen tragen zum Wiedererkennungswert bei, die bekanntesten Brillenträger, die ich kenne sind: Bertolt Brecht, Harry Potter, John Lennon, Buddy Holly und Joko Winterscheidt. Ob es denen manchmal auch so ging wie mir. Ich gehöre zu den Personen, die schon in der Grundschule Probleme mit ihren Augen hatten. Das Augen zukneifen und angestrengt an die Tafel gucken, wurde schnell durch einen Besuch beim Augenarzt ersetzt. Als ich ungefähr in der vierten Klasse war, fragte mich ein Mädchen: „Warum trägst du eine Brille?“. „Weil ich schlecht gucken kann.“, manchmal frage ich mich, was für eine Antwort sie erwartet hat. Es ist ja nicht so wie bei Spiderman und Co. Denn ich wurde nicht von einer radioaktiv verseuchten Blindschleiche gebissen, kann jetzt plötzlich nicht mehr so gut sehen und werfe Gliedmaßen ab, wenn ich mich bedroht fühle. Aber Blindschleichengirl hört sich auch nicht so cool an. „So ein Mist! “ , es regnet – ich fluche und probiere meine Brille zu putzten, da diese übersät mit Sprengeln ist. Auf dem Weg nach Hause rubbel ich also mit meinem Pullover über die Gläser, genervt muss ich jetzt aber feststellen, dass ich in Vertretung klarer Gläser, milchglas-ähnliche Linsen auf meiner Nase balanciere. Anstatt sie zu säubern, habe ich den Dreck nur großflächig verteilt. Mit schmierigem Panorama komme ich zuhause an. Als ich den ersten Schritt in das Haus mache, wird mir die ohnehin schon schlechte Sicht vernebelt. „Natürlich beschlägt sie jetzt.“ Wie schon Alexandre Dumas der Jüngere, der unehelicher Sohn von Alexandre Dumas dem Älteren, ein französischer Schriftsteller und Dichter sagte: „Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen.“

Emma-Neele Albrecht, Klasse 11

 

Erkenntnis

„Es bleibt nichts wie es war. Alles verändert sich.“ Mit solchen leeren Zitaten konnte ich noch nie etwas anfangen. Erst, wenn man Worte in ein lebendiges Umfeld wirft, machen sie für mich Sinn. So auch dieser Satz, mit dem meine Mutter mich früher immer getröstet hatte. Ich war acht, als sie mir das zum ersten Mal ins Ohr flüsterte, während mein Vater sie für eine Jüngere verließ. Sie hatte weinend in meinem Bett gehockt und mich so lange gedrückt, bis ich fast ohnmächtig vor Sauerstoffmangel wurde. Danach wurde das ihr Slogan. Und von da an begann ich, Veränderungen zu hassen.
Ich hasste meine damalige neue Klasse, den alles zerstörenden Streit mit meiner besten Freundin, den neuen Klassenlehrer und den Moment, als mein Freund mit mir Schluss machte, kurz nachdem ich mich an ihn gewöhnt hatte. Panisch mied ich jede Art von Veränderung. Selbst mein plüschpinkes Kinderzimmer durfte nicht umgestaltet werden und ich ließ nicht zu, dass meine Oma sich einen neuen Hund kaufte, nachdem der alte gestorben war. Ich konnte keine einzige Veränderungen in meinem Leben akzeptieren. Infolgedessen war ich auch nicht in der Lage, mich dazu durchzuringen, nach dem Abitur wegzuziehen, um Medizin zu studieren, sondern musste wohl oder übel einen Ausbíldungsplatz bei meiner Mutter annehmen. Denn wegziehen wollte ich nur über meine Leiche.
Alles andere als motiviert knallte ich meine Hand auf den Wecker, als dieser mich morgens um halb sieben aus dem Bett flötete. Es war ein typischer Montag und ich musste pünktlich in der Bank erscheinen, wie ich es seit neun Monaten gewohnt war. Unbeholfen und übermüdet tapste ich ins Bad. Und blieb überrascht stehen. Das Waschbecken schien viel höher zu hängen als sonst. Hatte meine Mutter etwa umgebaut? Ich war nicht mal in der Lage in den Spiegel zu gucken, der über meinem Kopf zu schweben schien. Ich ging auf die Zehenspitzen, streckte mich, hüpfte. Doch vergeblich. Verwirrt schlenderte ich in das Zimmer meiner Mutter, die schon zum Frühstückmachen aufgestanden war. Mein Blick fiel auf den Ganzkörperspiegel, der die halbe Schrankwand überragte und ich ließ entsetzt die Haarbürste fallen. Sie landete dumpf auf dem grauen Teppichboden. Mein Kopf drehte sich. Verstört über mein Spiegelbild hob ich den rechten Arm und strich mir über die Wange. Mit völliger Synchronisation tat mein Spiegelbild es mir gleich. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Horrorfilm. Denn was mir aus dem Spiegel entgegenblickte, war nicht ich, sondern ein kleines, achtjähriges Mädchen. Ich war das kleine Mädchen von damals, das mit einem pinken Einhorn neben ihrer weinenden Mutter saß und beschlossen hatte, niemals mehr etwas in ihrem Leben zu verändern. Und richtig, die Haarfarbe ist gleich, die Haarlänge, sogar den Pulli hatte ich noch. In einer misslichen Lage verloren schaute ich mich um. Wie sollte ich nur so zu meiner Ausbildung? Wie konnte ich das denn meiner Mutter erklären? Was ist überhaupt passiert? „Frühstück!“, rief meine Mutter von unten. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Gleich würde sie hochkommen und mich so sehen. „Hast du nicht gehört? Du sollst runter gehen“,flüsterte mir eine zarte Stimme ins Ohr. Überrascht entdeckte ich eine kleine, flatternde Fee auf meiner Schulter. Sie grinste mich keck an und verschränkte die Arme. „Da ist mir doch ein Meisterwerk gelungen. Mal sehen, ob ich dich auch zur Erkenntnis bringen kann“ ,kicherte sie und zwisch, war sie verschwunden. Völlig verdattert stand ich nun da, wusste gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Feen gab es nicht. Aber eine Verwandlung in ein zehn Jahre jüngeres Ich? Ich beschloss meine Mutter zu fragen, vielleicht konnte sie mir ja helfen. Doch als ich runterkam, saß auch mein Vater am Tisch. Mürrisch wie immer biss er von der Stulle ab und las die Zeitung. „Schatz, willst du dich nicht setzen? Deine Cornflakes stehen schon auf dem Tisch“, sagte meine Mutter und schubste mich ohne Fragen zu stellen auf meinen Platz. Völlig überfordert nahm ich das einfach so hin und sagte gar nichts mehr.
Auch der restliche Tag wurde nicht besser. In der Schule lernten wir Schreiben und Rechnen. Ich ging ja noch in die zweite Klasse, also konnte ich das alles schon blendend. Als wir aber über die Berufswünsche der Schüler sprachen, wurde ich still. Meine beste Freundin Mia wollte unbedingt Polizistin werden. Ihre Augen leuchteten richtig, als sie der Lehrerin davon erzählte. Ein Jahr später jedoch wird sie einen Autounfall haben und nicht mehr richtig laufen können. Ihre Welt wird zusammenbrechen und sie wird keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen, bis sie anfängt zu lesen und Bücher zu schreiben. Jonas möchte unbedingt ins Ausland, Max Lehrer werden und Lina „Flugzeugerin“. Ich war von ihren Träumen so fasziniert. Alles stand ihnen offen. Als die Lehrerin mich jedoch fragte, wusste ich keine Antwort. Mia schaute mich mit großen Augen an. „Du wolltest doch immer Ärztin werden,“ sagte sie, „Dann kümmerst du dich um mich, wenn ich mal krank werde. Das kannst du bestimmt gut.“ Mir stockte der Atem und die Tränen schossen mir in die Augen. Wenn ich es doch nur gekonnt hätte …
Nach der Schule holte Oma mich ab. Schon als ich sie aus weiter Entfernung sah, lief mir ein kleines, braunes Etwas entgegen. „Ruppi!“ rief ich überrascht. Als ich acht war, hat er ja noch gelebt. Ich drückte erst ihn fest und dann meine Oma. Sie starb ein Jahr vor meinem achtzehnten Geburtstag. Es war so schön wieder mit ihr zu quatschen und ich bekam das Gefühl, mich bei der Fee noch bedanken zu müssen. Ich spielte mit Ruppi unbeschwert im Garten und aß Omas Pflaumenkuchen, den ich auch so vermisst hatte. Als Oma mit einem Fotoalbum ankam, setzten wir uns hin und schauten uns ihre alten Erinnerungen an. Auf all den Fotos konnte man Oma und Opa erkennen. In Ägypten, Thailand, Japan, Amerika, Südafrika und an vielen weiteren Orten. Es waren neuere Fotos, kurz vor Opas und Omas Tod aufgenommen. „Tue mir einen Gefallen, mein Engel!“, seufzte meine Oma und schaute mich lächelnd an. „Mach nicht denselben Fehler wie wir und genieße das Leben erst, wenn es zu spät ist. Ich hoffe wenn du groß bist, wirst du auch so um die Welt reisen wie wir und alles sehen. Die Welt ist wunderschön. Immer nur an einem Ort zu bleiben ist langweilig. Reise, hab Spaß, mach irgendwelchen lustigen Quatsch. Das wünsche ich mir so für dich. Denn dir stehen alle Möglichkeiten offen. Nutze sie!“ Selbst Ruppi war still geworden. Meine Oma zog ein rosa kariertes Taschentuch hervor und schnaubte lautstark hinein. „Ich hab das so oft deiner Mutter gesagt. Dein Vater tut ihr nicht gut. Er ist nicht der Richtige. Ich hoffe das merkt sie auch bald“, sagte sie zu mir. Ich hkonnte mich nicht an dieses Gespräch erinnern, genauso wenig wie an die Situation in der Schule, aber trotzdem hatten sie mal stattgefunden. Vermutlich hatte ich all das Schöne an diesem Tag verdrängt. Denn an die Situation nachts konnte ich mich erinnern. Und sie passierte genauso wie es sich in meinem Gedächtnis festgeklettet hat. Aber als meine Mutter nach den ohrenbetäubenden Streit weinend an meinem Bett saß, tröstete ich sie und erzählte ihr von all den Reisen, die wir machen werden und anderen tollen Dinge, die wirerleben werden. Auch wenn es nie dazu gekommen war. Am nächsten Morgen wachte ich auf und tapste gleich in das Zimmer meiner Mutter, um mich anzusehen. Und tatsächlich, ich war wieder ich. Doch anstatt zur Ausbildung zu gehen, zog ich mich an und stand unschlüssig in meinem Zimmer herum. Ich erinnerte mich an die Worte von Mia und von meiner Oma. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich führte kein tolles Leben, versteckte mich aus Angst verletzt zu werden. Aber ich versteckte mich auch vor den tollen Dingen: vor Liebe, Freude, Glück, vor neuen Erfahrungen und Erinnerungen. Energisch begann ich die rosa Tapete abzureißen. Fetzten für Fetzen landete auf dem Boden. Erst als die Wand komplett grau vor mir lag, ging ich zu meiner Mutter runter. „Ich werde die Ausbildung abbrechen“, sagte ich und ignorierte ihren überraschten Mutterblick. „Ich will Medizin studieren. Und mir die Haare endlich mal färben. Und können wir endlich dieses rosa Zimmer verändern. Wenn ich eh bald ausziehe, brauche ich es nicht mehr.“ Meine Mutter fing an zu lächeln. Dann nickte sie nur, legte das Geschirrtuch beiseite und umarmte mich sanft. Über ihre Schulter hinweg konnte ich die Fee sehen, die vor meinem Gesicht flatterte und mir triumphierend zunickte. Dann verschwand sie. Hofffentlich für immer. Ich drückte meine Mutter vorsichtig weg und fragte: „Und weißt du, wo Omas Fotoalbum ist?“

Emily Zunke, Klasse 11

 

Entwicklung, Einsicht, Erfahrung

Charakterliche Veränderungen gibt es so häufig wie Sand am Meer, Bäume im Wald oder Menschen auf der Erde. Und letztere betreffen sie dabei auch am meisten. Jeder Mensch verzeichnet in seinem Leben mindestens eine charakterliche Wandlung. Die Ausmaße können bei jedem unterschiedlich groß sein oder unterschiedlich lange andauern. Aber eins steht fest: Jeder verändert sich im Laufe seines Lebens.
Ausnahmen bestätigen zwar die Regel, aber fast jeder wird zustimmen, dass die Pubertät eine der größten Wandlungen darstellt. Eltern sollten das dabei besonders bestätigen können, sie erfahren am eigenen Leib, wie aus ihren Kindern Erwachsene werden. Und jedes Kind in der Pubertät wird nicht zugeben, in der Pubertät zu sein. Es ist die Zeit, in der wir herausfinden, wer wir sind, was wir wollen, was nicht. Es ist die Zeit, in der wir uns endlich abheben und für uns selbst Entscheidungen treffen.
Natürlich denken alle anderen, sie wüssten, was für uns am besten ist. Sie raten, meckern, stellen fest. Doch warum lässt man uns nicht einfach machen? Es sind doch unsere Erfahrungen, die wir in dieser Zeit machen. Uns vor etwas zu schützen, gibt uns noch mehr den Anreiz, etwas durchzuziehen, eine weniger schlaue Entscheidung zu treffen. Es handelt sich hierbei um das Vertrauen in uns, zu wissen, wo die Grenzen sind.
Pubertät bedeutet, uns selbst kennenzulernen, wie wir es noch nie in unserem Leben getan haben. Wir erleben Momente, die uns beeinflussen, uns prägen, helfen uns zu verstehen. Nehme man doch mal an, es gäbe keine Pubertät, die Kindern würden wie ins kalte Wasser geschmissen in der Erwachsenenwelt landen. Gut, zwar wäre der Mangel an gut ausgebildeten Lehrkräften, Polizisten und Feuerwehrmännern gedeckt sein, aber wofür?
Pubertät ist dazu da, langsam den Weg zum Erwachsenen zu finden. Wir sind das erste Mal betrunken, das erste Mal verliebt, gehen das erste Mal zu einem Konzert und, und, und. Und das allein, wir lösen uns los, lassen unsere Eltern und Bevormundende hinter uns.
So wie wir uns in der Pubertät entwickeln, ist es entscheidend für unseren weiteren Lebensweg. Wir erkennen unsere wirklichen Interessen, sind nicht mehr zu hundert Prozent beeinflussbar. Jeder findet seinen eigenen Weg. Natürlich sind daran noch Familie, Freunde, Lehrer und viele andere Personen und Dinge beteiligt; aber im Großen und Ganzen werden wir der, der wir sein wollen. Unsere Interessen und Leistungen entsprechen dabei unserer Person. Manche Dinge sind uns wie in die Wiege gelegt, andere Ziele brauchen besondere Zeit und besondere Anstrengungen, um sie zu erreichen. Aber all das bringt uns auf Ideen, was wir mit unserem Leben anfangen möchten. Jeder muss dadurch, vor uns haben sie es geschafft und nach uns wird es auch noch genug geben. Das Schlimmste ist es, Angst davor zu haben, was in der Zukunft passiert. Steuern kann man das nicht, man kann nur bestenfalls man selbst sein und warten, was passiert.

Anna Pfennig, Klasse 12