Rückblick: Weihnachtskonzert

Weihnachtsgedanken – Juliane Vogler

Früher war Weihnachten für mich ein Wunder.

Wochenlang schon nicht geschlafen,

jeden Tag genau gezählt.

Heimlich Türchen schon geöffnet,

damit das Warten schnell vergeht.

Nachts noch lange wach geblieben,

um auf Zehenspitzen zu stehen

und durch Wohnzimmergardinen

dem Spektakel zuzusehen.

Ein alter Mann mit rotem Mantel,

langem Bart und weißem Haar,

kommt aus dem Himmel in das Leben

am selben Tag in jedem Jahr.

Wie er stapft und schleicht und schlendert,

schwerer Schneesturm stürmt und schneit,

schwebt im Schlitten, Schätze schenkend,

während alles schläft und schweigt.

Wenn die Lichter wieder leuchten

und die ganze Stadt erstrahlt,

wenn die Nacht mit ihren Farben

Lächeln in Gesichter malt,

wenn dir alle Sinne sagen:

…hm, da liegt was in der Luft…

ein Hauch von Zimt, Vanille, Fichte,

Glühwein-, Braten-, Plätzchenduft,

wenn die bunten Kugeln glänzen

am geschmückten Tannenbaum,

dann ist das nicht nur Heiligabend,

sondern auch der Weihnachtstraum.

Große Wünsche, kleine Hände,

überall nur Fröhlichkeit,

große Gesten, kleine Sorgen,

das war die allerschönste Zeit.

Alles schien mir so unendlich,

magisch, zauberhaft und toll,

nur Fantasie in den Gedanken,

das Herz zum Rand mit Träumen voll.

Weihnachten war mal ein Wunder,

das ich mit Kinderaugen sah,

leicht verschwommen, ohne Brille,

aber tief im Herzen klar.

Und heute?

Heute kann ich nachts nicht schlafen,

weil ich mich mit Fragen quäle,

und anstatt Dezembertagen

lieber meine Fehler zähle.

Türchen will ich nicht mehr öffnen,

lass sie zu von früh bis spät,

nur damit ich sicher sein kann,

dass die Zeit noch nicht vergeht.

Ich steh zwar noch am Fenster,

doch auf Zehenspitzen nicht.

Weiß sind nur noch die Gardinen,

keine Schneeflocke in Sicht.

Und ich suche nicht den Weihnachtsmann,

ich suche nur nach dir.

Denn letztes Jahr um diese Zeit,

da warst du noch bei mir.

Ein junger Mensch mit roten Strähnen,

langem Haar und weißer Haut,

gutes Herz und treue Seele,

der man gern sich anvertraut.

Ich seh‘ dich stapfen, schlendern, schleichen

und im schnellen Schlitten schweben

und ein schwerer Schneesturm trägt dich,

in den Himmel, aus dem Leben.

Die Lichter leuchten anders

und die Stadt erstrahlt nicht ganz,

nirgends riecht es nach Advent

und der Tanne fehlt der Glanz.

Dann der Stress vor Heiligabend,

was soll man den Liebsten schenken?

Muss an Festtagsmahl und Deko,

Pflichten und Termine denken.

Große Hände, kleine Wünsche,

überall ein bisschen Streit.

Große Sorgen, kleine Gesten,

für nichts hat man richtig Zeit.

Plötzlich ist alles so endlich,

ich spüre keinen Zauber mehr,

statt Fantasie sind da jetzt Fakten

und das Träumen fällt mir schwer.

Sie sagen, Kinderaugen täuschen,

setz dir mal die Brille auf,

doch was klar war, das verschwimmt nun

und das Verschwommene löst sich auf.

Du wirst älter, größer, weiser,

lernst und leidest, liebst und lachst,

und du merkst nicht, wie du selbst

’nen eignen Menschen aus dir machst.

Und was du lernst, warum du leidest,

wen du liebst und wie du lachst,

was das wirklich für ein Mensch ist,

den du gerade aus dir machst,

das liegt nicht nur an dir selbst,

nein, das geht dann doch zu weit.

Was uns verbessert, oder schlechtert,

was uns ändert, ist die Zeit.

Die Zeit verändert Menschen,

fast als wär‘ es ihre Pflicht.

Lässt uns wachsen, lässt uns leuchten

oder nimmt uns unser Licht.

Erfahrungen, Erlebnisse,

all die uralten Geschichten,

Reisen, Abenteuer, von denen

wir unsren Enkeln noch berichten,

Misserfolge, Liebeskummer,

der Verlust geliebter Menschen,

Enttäuschungen und Schicksalschläge

bringen uns an unsre Grenzen.

Und dann sind da noch Begegnungen,

die uns als Personen prägen,

denn wer uns was bedeutet,

der bereichert unser Leben.

Fremde, die zu Freunden werden,

Freunde, die Familie sind,

Familie, die uns stets begleitet,

heute noch, wie auch als Kind.

Zu wem wir immer gehen würden,

wer uns Glück schenkt, mit uns lacht,

wer mit Gesprächen auf dem Schulflur

unser Leben schöner macht.

All das Gute und das Schlechte,

was die Zeit uns bringt und nimmt,

ist auch das, was dann am Ende

unsren Blickwinkel bestimmt.

Unsren Blickwinkel aufs Leben,

unsere Sicht auf jeden Test,

unsren Fokus, unsren Standpunkt

und auch den Blick aufs Weihnachtsfest.

Wo die Kinder Zauber spüren,

können wir oft nichts erkennen,

doch das heißt nicht, dass nichts da ist,

lasst es uns doch „Wunder“ nennen.

Und ich glaube fest daran,

dass auch wir es sehen können,

wenn wir ganz einfach die Fragen

und die Fakten mal verbrennen.

Also öffnet eure Türchen,

ladet eure Liebsten ein,

vergesst Termine, Stress und Pflichten

und genießt es, hier zu sein.

Setzt die Brille ab und träumt

den einzig wahren Weihnachtstraum,

atmet den Adventsduft ein

schmückt zusammen den Tannenbaum.

Und heute Nacht, schleicht euch ans Fenster,

vielleicht stehen wir dort zu zweit,

dann schauen wir raus und wissen beide:

es bleibt die allerschönste Zeit.