Sie sind doch nicht lange dort geblieben

Ich schaue auf die Uhr, die mir am Rand meines Laptops angezeigt wird: „Es ist 23:34Uhr und ich sitze hier immer noch.“ Verplant wie ich bin, hab ich total vergessen, dass ich nocheinen Deutschvortrag über Theodor Fontane halten muss. Na ja am Abend bin ich sowiesoproduktiver. Blöd nur,wenn man schon super müde und unmotiviert an die Sache herangeht. Ich gebe also seinen Namen in die Suchleiste ein und klicke auf Bilder. Ein Mann mit einer Feder in der Hand, hohem Haaransatz und dunklem Mantel ziert nun meinen Computerbildschirm. Einen schicken Schnurrbart trägt der kleine Theo auch. „Washast Du nur erreicht, dass ich jetzt maximal 15 Minuten vor der Klasse über Dich reden darf?“, fluche ich und lege meinen schweren Kopf auf die Tastatur. „Ich bin einer der bekanntesten Dichter Deutschlands. Was haben Sie zu bieten, junge Frau?“, ich schrecke hoch, als ich die männliche Stimme höre. „Ja richtig,ich rede mit Ihnen.“, wie hypnotisiert schaue ich auf den Bildschirm, „Waren Sie schon mal in meiner Geburtsstadt?“ Ich nicke: „Neuruppin – richtig?“ Der Schriftsteller grinst, „Sie haben mir ein Denkmal gebaut und…“, ich unterbrach ihn. „Hat Goethe auch, der hat sogar ein ganzes Museum, dass man ihm widmet.“ Mein Gegenüber rollt mit den Augen, „Natürlich, er war ein inspirierender Mann. Werke wie ‚Faust‘ faszinierte und prägte viele Menschen, doch wir reden von mir, meiner Person aus Bronze und meiner Heimat.“ Sollte das ein Witz sein? Heimat?! „Sie sind dochnicht lange in Neuruppin geblieben. Um 1819 wurden Sie dort geboren und sind 1827 nach Swinemünde gezogen, lernten später eine Zeit in Berlin und arbeiteten in Dresden, reisten nach London. Wirklich Heimweh hatten Sie wohl eher nicht.“, stelle ich fest. Er fragtmich nach meinem Alter, „Ich bin 16 Jahre alt.“, antworte ich. „Und wo wohnen Sie?“, „Das geht Sie gar nichts an.“, meine Reaktion ist vielleicht ein bisschen unfair. Immerhin steht seine gesamte Biographie im Internet. Fontane scheint meinen entschuldigenden Blick zu bemerken und meint: „Damit wollte ich nur verdeutlichen, dass Sie noch jung sind. Sie wollen mir doch nicht sagen, Sie seien nicht neugierig. Dass Sie jetzt schon wissen, wo Sie hingehören. Vielleicht möchten Sie sich bilden, gute Schulen besuchen, Ausbildungen anfangen und abbrechen. Oder einfach die Welt bereisen. Sie werden wohl kaum für immer in dem Haus ihrer Eltern leben. Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Da muss ich dem Apothekersohn recht geben. Die Angst davor, diese klugen Worte mit einem stumpfen Kommentar meinerseits zu zerstören, lässt mich stumm nicken.Ich gähne und halte mir die Hand vor den Mund. „Das wäre ein super Zitat für meinen Einstieg.“, überlege ich laut. Ich spüre den fragenden Gesichtsausdruck meines Gesprächspartners auf mir. „Morgen halte ich einen Vortrag über Sie und ihre Werke.“, erkläre ich. „Richtig… Hören Sie gut zu und holen Sie sich etwas zu schreiben.“, fordert mich Fontane auf. Er erzählt und ich schreibe mir Notizen für morgen. Von dem Lärm meines Weckers werde ich wach. Nachdem ich den Störenfried entschärfe, reibe ich mir meine Augen und stelle fest, dass ich an meinem Schreibtisch eingeschlafen bin. Vor mir zu liegen habe ich meine Karteikarten für den Deutschunterricht heute. Ist das gestern wirklich passiert ?

Emma – Neele Albrecht

11Klasse