Regen im November

Stellt man Menschen die Frage, welches das schönste Ereignis ihres Lebens war, dann antworten sie meistens: „Als ich den Herzschlag meines Kindes zum ersten Mal fühlte“ oder „der Moment, in dem ich meiner großen Liebe nicht wissend über den Weg lief und sie dann später heiratete“, kleine Kinder hingegen freuten sich über ihr langersehntes Spielzeug, eine Gitarre, ihr neues Buch oder ein Fahrrad. Sie sprachen noch tagelang darüber, waren verzaubert und konnten ihre Begeisterung kaum in Grenzen halten.

Ein nasskalter Wind schleicht sich über meinen Rücken, ich richte meine Bommelmütze und vergrabe mein Gesicht noch ein Stück weit mehr in meinem Schal. Während meine Kopfhörer schon seit einiger Zeit immer wieder dieselbe Melodie in meinen Kopf leiten, sitze ich auf einer rot gestrichenen Bank und warte auf meinen Bus. Mal wieder ist er zu spät und ich sitze einfach dort, lausche dem Rauschen des Regens, welcher trotz meiner Musik gut zu hören ist.

Der Wind weht die Blätter der Bäume hinfort und macht sie karg. Mit meinem Blick folge ich ihnen, schaue, wohin sie wehen, bis sie auf dem Boden aufkommen und dort verrotten. Ich hebe meinen Blick und schaue in unzählige Gesichter: Kleine Gruppen von Freunden, die sich täglich bilden, die sich unterhalten, Geschichten austauschen. Eine Mutter und ihr Sohn, welche sich umarmen, ein älterer Mann im Anzug, der nach etwas zu suchen scheint. Auf der einen Seite ein junges Mädchen mit rosa Wangen, auf der anderen Seite ein Junge, welcher sie verliebt mustert, doch Worte tauschen sie nicht.

Aus der Ferne erkenne ich meinen Bus und mache mich bereit, gleich in sein warmes Inneres zu steigen. Er hält und durch die entstehende Drängelei wird mir das Einsteigen erschwert. Geschafft lasse ich mich auf einen Platz weit hinten im Bus fallen und lehne mein Gesicht an die Scheibe, genieße meine Musik und versuche die Welt zu vergessen. Wie ich es schon als ein kleines Mädchen tat, suche ich mir zwei Regentropfen auf dem Glas des Fensters aus und schaue ihnen gespannt dabei zu, wie sie sich in einem Wettrennen duellieren.

Jeder Mensch erzählt seine eigene Geschichte, das Leben ist kein Wettbewerb, es gibt keine Konkurrenten, keinen Sieg, keine Niederlage, du gewinnst keinen Preis für das, was du in deinem Leben erreichst.

Aber dafür gibt es diesen einen bestimmten Moment, welcher dich mit so viel Liebe erfüllt und welcher dich die ganzen negativen Dinge vergessen lässt.

Für einen ist es ein neugeborenes Kind, nachdem man schon eins verlor. Für den anderen die ewige Verbindung, wenn man nie etwas wie Fürsorge verspüren durfte. Das liebste Spielzeug deines verstorbenen Geschwisterchens in den Händen zu halten, auf der Gitarre zu spielen, und Menschen mit deinen Tönen zu beglücken, wie sie es früher bei dir taten. Aus einem alten Buch vorzulesen, weil deine Großmutter es nun nicht mehr kann oder der Moment, in dem du es schaffst, ohne deine Stützräder zu fahren, nachdem du zuvor unzählige Male gescheitert warst…

Ich steige aus dem Bus, noch immer regnet es. Ich schaue auf in den Himmel, ich weine.

Josefine Larf 10b