„Muss das so?“

Sein skeptischer Blick betrachtet meine Füße und wandert letztendlich wieder in Höhe meiner Augen. Unsere Blicke treffen sich. Er legt den Kopf schief, zieht eine Augenbraue leicht hoch und fragt amüsiert „Muss das so?“ Ich bin leicht verdattert. Ähm… muss was so?! Und dann fällt es mir wieder ein. Ich lächle, als auch mein Blick meine Füße erreicht. Die Quelle seiner Belustigung. Ja, meine Füße. Sie sind verpackt in dicke Kuschelsocken. Die eine rot und die andere grau. Immer noch leicht verwirrt, weil ich den Anlass der Frage nicht sehe antworte ich „Ähm… Ja?!“

Sein Blick lässt nun bei ihm die Verwirrung erahnen. Was denkt er denn? Dass ich ein unglaublich fauler Teenager bin, der es nicht einmal hinbekommt, seine Socken zu sortieren? Oder doch lieber einer, der da oben nicht mehr alle Tassen bzw. Socken im Schrank hat und nicht mal gemerkt hat, dass die Socken nicht die gleichen sind. Danke dafür!

Sein Blick ist noch immer leer. Ein trockenes „Aha“ kommt von ihm zurück.

Eigentlich wollte ich dem Postboten, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe, meine innersten Gedankengänge erklären müssen. Das würde zu weit gehen. Aber will ich wirklich als bequemer, desinteressierter und völlig verplanter Teenager dastehen. Ich glaube nicht. Denn auch ich muss zur Rettung des Rufes unserer Generation meinen Teil beitragen. Also hier die knapp zusammengefasste Version, die auch der Postbote als Antwort bekam:„Die Socken, das soll wirklich so. Ähm… Ja. Wir Menschen, wir sind alle unterschiedlich, keiner gleicht dem anderen. Aber trotzdem sind die einen „besser“ als die anderen. Verstehe ich nicht. Und deshalb trage ich nicht die gleichen Socken. Keiner ähnelt dem anderen und das ist gut so. Wichtig ist nur, dass das alle verstehen und warum nicht bei einer so kleinen Kleinigkeit anfangen wie den Socken?“

Das war´s dann komplett mit ihm. Er nickt kurz, ein erneutes „Aha“ kombiniert mit einem etwas erzwungen wirkendem Lächeln erreichen mich, noch bevor er das Paket, weswegen er eigentlich nur geklingelt hatte, abstellt, mir noch einen schönen Tag wünscht und geht.

Aber in solchen Momenten sieht man nur zu gut, wie lang der Weg noch ist, bis alle bei allen gleich sind.

Und nein, falls man jetzt auf den Gedanken kommen könnte, dass ich doch auch ein wenig faul sei und das mit dieser Erklärung einfach überspielen könnte, liegt man definitiv falsch. Genau so wie bei Friday´s for future das Verpassen des Unterrichts ein angenehmer Nebeneffekt sei?!

Wenn man so etwas denkt, dann stand man noch nie morgens, total gestresst vor dem Sockenfach und hat krampfhaft überlegt, welche Socke denn zu der weiß-schwarz-zebra-artig-gemusterten Socke mit weinrotem Bündchen passt, wo doch alle schwarzen Socken zur Zeit in der Wäsche sind und einem das ganze eben nicht so egal ist, als dass man die schwarz-weiß-gepunktete Socke mit dem dunkel-senf-gelben Bündchen anziehen würde.

Vielleicht kann man jetzt erahnen, dass es theoretisch leichter gewesen wäre, in den letzten fünf Jahren einfach immer „passende“ Socken anzuziehen. So wie es auch leichter ist, einfach zu sagen, dass man den Menschen da drüben nicht mag, weil der hat ja Tattoos!

(Ronja Fischer, 10a)