Die Luft zum Fliegen

– an den Abijahrgang 2020 –

Am Ostufer erwacht die Sonne, leichte Wellen schlägt der See, wenn der morgendliche Nordwind Schwalben übers Wasser weht. Ich höre, wie sie munter zwitschern, wüsste gern, was sie bewegt. Wenn sie doch schon Flügel haben, die sie überallhin tragen, warum treibt es sie nicht fort, was hält sie stets am selben Ort? Ich frage mich, worauf sie warten, denn sie brauchen, um zu starten: nur Sturm und Drang für gute Taten und ein bisschen Luft zum Atmen. Eigentlich fast wie bei uns.

Schließt doch mal Augen, nehmt euch diesen Augenblick, haltet einfach kurz die Luft an, erinnert euch und schaut zurück. Vor in etwa 18 Jahren pellten wir uns aus den Schalen, sind geschlüpft in einem Nest, das uns nie mehr fallen lässt. Dann der erste Blick zum Himmel, die Welt zu bunt, um wahr zu sein, wollten mit den Großen losziehen, doch es hieß: „Ihr seid zu klein!“. Noch.

Denn Fliegen muss man lernen.

Wer früh übt, kann Meister werden.

Und da kam sie also, unsere Schulzeit.

Schließt doch mal die Augen, nehmt euch diesen Augenblick, haltet einfach kurz die Luft an, erinnert euch und schaut zurück.

12 Jahre lang Flugstunden. Wir lernten nicht nur sachte singend, über Sumpf und See zu segeln, sondern immer schneller schwebend, alles gebend abzuheben. Denn egal, wie hoch man fliegt, jedes Mal sagt irgendwer, dass es noch Luft nach oben gibt.

Also steigt man immer höher, mit der allerletzten Kraft. Bis man dann nach Atem schnappt, die Luft zu knapp, die Flügel schlapp.

Ehrgeiz treibt die Menschen an, doch er kann gefährlich sein, man fällt schnell auf ihn herein.

Deshalb sag ich jetzt: Schließt mal ab und zu die Augen, nehmt euch einen Augenblick, haltet einfach kurz die Luft an, erinnert euch und schaut zurück. Schule, das war Alltag, der doch stets was Neues bringt. Das war der Teufelskreis, bei dem man oft im Viereck springt. Sie war Blut und Schweiß und Tränen,

Rotz und Wasser, Fluch und Segen, Der beste Ort, sich zu begegnen,

Sie war Freundschaft, sie war Leben. Sie hat mir beigebracht, zu lachen und nur Ernstes ernstzunehmen, für meine Ziele immer alles, aber niemals aufzugeben. Kaum beginnt ein neues Schuljahr, zieht es wie der Wind vorbei. Unsre Zeit verging im Flug, heute spür ich: wir sind…frei. Plötzlich bist du frei,

um über Sumpf und See zu segeln, oder immer höher strebend, schneller schwebend abzuheben. Du bist frei für frische Winde, die den Horizont erweitern, du bist frei, dem Sturm zu trotzen, zu versuchen und zu scheitern.

Also schließe deine Augen, nehme dir den Augenblick, halte einfach kurz die Luft an, erinner dich und schau zurück. Freiheit heißt für mich auch leben ohne Stundenplan, ohne eingebrannten Rhythmus, ohne Ordnung für den Tag. Auf einmal muss ich selber wissen, was ich wirklich wissen will, welches Wissen mich erfüllt.

Oder auch nicht. Was weiß denn ich?

Die Wahrheit ist: Seit ich raus bin aus der Schule, fühle ich mich manchmal leer. Dann erschlaffen meine Flügel und das Atmen fällt mir schwer, weil die Begegnungen mir fehlen und mich Zukunftszweifel quälen.

Es wird nicht automatisch leichter, nur weil man ein Ziel erreicht hat, denn die Reise geht ja weiter, aber Übung macht den Meister. Es ist Zeit für einen Absprung, denn wir sind nicht mehr „zu klein“. Ich breit die Lungenflügel aus, atme Optimismus ein… Und ich öffne meine Augen, nehme mir den Augenblick, halte einfach kurz die Zeit an, schau nach vorn anstatt zurück. Hoch am Himmel steht die Sonne, leichte Wellen schlägt der See, wenn der Wind uns wie die Schwalben bald schon übers Wasser weht. Und weil wir starke Flügel haben, die uns überallhin tragen, wollen wir neue Wolken sehen, wir sind frei, wir können gehen. Aber mit ein bisschen Glück treibt es mich auch stets zurück, zurück zu euch, zu meinem Nest, denn das hält noch an mir fest,  wenn der Wind mich fallen lässt. Wo Liebe wohnt, sich Leben lohnt, ein Lächeln reicht, ist, wo ihr seid.

Und ich weiß:

Meine Federn sind bereit.

Ich hab…keinen Grund zu warten,

Sturm und Drang für gute Taten, Erinnerung von guten Tagen, um mich rum all meine Lieben, jede Menge Luft zum Atmen – und vor allem Luft zum Fliegen.

Juliane Vogler