Gedenken an mutige Kyritzer nach 75 Jahren

Des Öfteren hört man Geschichten aus der NS- Zeit von mutigen deutschen Bürgern ,die ihr eigenes Leben riskierten, um Juden bei sich zu verstecken und sie damit vor der Deportation retteten. Das weltweit wohl bekannteste Beispiel ist die Geschichte von Anne Frank und ihrer Familie, die durch den Fund von Annes Tagebüchern an die Öffentlichkeit gelang. Erstaunlich ist, dass sich sich solch eine Heldentat auch in unserer Heimatstadt Kyritz abspielte. Aufgrund intensiver Recherchearbeiten zum Thema „jüdische Mitbürger in Kyritz“ von Herbert Brandt, Angela Städeke und Helmut Wagener vom Heimatverein konnte herausgefunden werden, dass der Kaufmann Paul Dräger, der Kyritzer Dr.Andreas Merten sowie Pfarrer Friedrich Schlicht von 1943 bis zum 2.Mai 1945 unter Lebensgefahr für sich und ihre Familien das jüdische Ehepaar Theodor und Alice Steigerwald versteckt hielten. Das Versteck lag im Dachboden der heutigen Johann- Sebastian-Bach- Straße 36. Aufgrund dieser bewegenden Geschichte beschloss der Heimatverein und die Stadt Kyritz eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Geschichte des Hauses aufzustellen. Die geplante feierliche Enthüllung fand am 26.9.2020 in der Johann- Sebastian- Bach -Straße 36 statt und wurde von Jung und Alt gut besucht. Das schlechte Regenwetter konnte die Stimmung nicht trüben und so wurden die Gäste, bestehend aus Familienangehörigen, Zeitzeugen, Schülern und interessierten Bürgern durch ein gut gefülltes Programm mit der Geschichte des Hauses vertraut gemacht. Die Veranstaltung wurde durch ein Violinenstück eröffnet, es folgten Reden von Nora Görke, der Bürgermeisterin, Thomas Settgast und Herbert Brandt, einem der Initiatoren. Zudem rezitieren Schülerinnen des Gymnasiums Kyritz Gedichte von Nelly Sachs und Dietrich Bonhoeffer, die von Einsamkeit, Vertreibung und Ausgrenzung handelten. Nach der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel wurde ein Stadtrundgang durch Kyritz angeboten und es folgte eine öffentliche Diskussionsrunde, bei der Zeitzeugen und Angehörige von ihren persönlichen Erinnerungen sprachen.Im weiteren Verlauf der Gedenkfeier wurde ein Zusammensitzen mit Kaffee und Kuchen in Blum´s Hotel organisiert. Begonnen hat es mit einer Vorstellungsrunde, damit jeder wusste, wer zu wem gehört. Wir hatten das Gefühl, man sei auf einer großen Familienfeier. Mit dabei waren Frau Hanisch, Frau Gerloff und die Brüder Dräger, welche dort als Zeitzeugen berichten konnten. Frau Görke, die Bürgermeisterin von Kyritz leitete zu Beginn die Vorstellungsrunde. Während des Kaffees hatte jeder die Möglichkeit, sich mit jedem zu unterhalten. Frau Hanisch fiel Lena und Anika sehr besonders auf, denn sie war sehr erfreut, ihre Geschichten erzählen zu dürfen. Als 14- jähriges Mädchen ging sie mit ihrem Vater jeden Freitag zur Familie Steigerwald. Sie waren Juden, die in der NS-Zeit versteckt wurden. Wenn sie dort hingingen, brachten sie Essen mit und hörten sich ihre Geschichten an. Frau Hanisch empfand diese als sehr spannend. Sie wusste auch schon damals, wie gefährlich diese Situation war, weshalb sie nie darüber mit jemandem sprach. Ihr Vater war als Arzt tätig. Die Ehefrau von Herrn Steigerwald vertraute sich ihm an. Dr. Mertens behandelte den Mann bis zum Ende seines Lebens. Die Brüder Dräger erzählen von der Roten Armee und wie diese die Einbahnstraße falsch entlangfuhren, „wie im Mittelalter“ mit ihren Pferdegespannen. In jenen Augenblick stand ein kleiner deutscher Junge auf der Straße, erzählen die Brüder Dräger. Sie bangten um ihn, jedoch war die russische Armee sehr freundlich und schenke den Jungen Bonbons. Der ältere der Brüder wurde in den See geschubst. Zu diesen Zeitpunkt konnte er noch nicht schwimmen, aber ein Russe kam ihm zu Hilfe und zog ihn aus dem Wasser raus. All diese Geschichten, die von den Zeitzeugen erzählt wurden, bewegten uns sehr. Der Tag war voller Emotionen, ob es Freude, Traurigkeit oder auch Hoffnung war. Es war ein sehr schöner und interessanter Tag für die Schüler des Geschichtsleistungskurses.

Marie Schwierske, Natalie Timm, LK Geschichte 12