Inspiriert von Heinrich Heine „LX“

Zaghaft klopfte die Bedienstete an die Tür. Als keiner antwortete, öffnete sie behutsam die schwere Eichentür.

„Sir, es ist so eben ein Brief für Sie eingetroffen.“

Er schaute von den wichtigen Papieren auf, nickte ihr dankbar zu. Äußerlich wie jedes andere Mal. Doch im Innern zuckte er zusammen, als ihm der Brief vor die Nase gelegt wurde. In geschwungenen Buchstaben leuchtete ihm das Wort >EINLADUNG< entgegen. Als die Bedienstete wieder gegangen war, legte er die Feder zur Seite, um sich nervös durch die Haare zu fahren.

~ ~ ~

Schon nach der 1. Meile, die sie mit der Kutsche zurückgelegt hatten, wusste er, dass es ein Fehler war, zu dieser Feier zu erscheinen. SIE würde dort sein. SIE hatte schließlich die Einladung geschrieben. Auch wenn der Brief direkt an ihn adressiert war, hatte sie ihn nie wahrgenommen.

>>Ihr seid ein guter Freund der Familie<< hatte es in der Einladung geheißen. Hatte sie das auch in den anderen Einladungen geschrieben? Dass alle gute Freunde der Familie waren und deswegen eingeladen waren? Wahrscheinlich!

„Ich komme nach“, sagte er zu seiner Mutter mit einem falschen Lächeln. Nachdem sie in das Innere des Landhauses verschwunden war, sah er sich hektisch um. Niemand da! Bevor die nächste Kutsche mit schnatternden Gästen kommen konnte, zog er sich in den Schatten des Gartens zurück. Sekunden wurden zu Minuten. Minuten wurden zu Stunden. Und er lief immer weiter durch den leeren Garten. Zwischenzeitlich füllte sich das stattliche Landhaus und ihr lautes Gelächter schallte durch die offenen Fenster zu ihm herüber. Der Mond tauchte hinter dunklen Wolken auf. Der weiße Kieselsteinweg leuchtete verlockend. Das Licht, das aus den vielen Fenstern schien, war eine stumme Einladung.

>>Der Saal ist voll mit Gästen. Ich werde sie sicher nicht antreffen<<, dachte er hoffungsvoll, während er auf die große Tür zuschritt. Vorbei an dem Rosenteich, in dem sich das Mondlicht spiegelte. Da tauchte eine Frauensilhouette an einem der hohen Fenster auf. Eine zweite kam dazu und nahm sie in die Arme.

>>Nur eine von vielen<<, dachte er mühsam. Seine Schritte wurden wieder langsamer. Keine Sekunde später waren die beiden vom Fenster verschwunden. Mutig ging er auf den Eingang zu.

Plötzlich drang IHR Lachen an sein Ohr. Sein Herz zog sich zusammen. Hand in Hand mit ihrem Liebsten eilte sie die Treppe herunter. Sie bemerkte nicht, wie sein Herz in abertausend Stücke zersplitterte, als sie den anderen Mann küsste.

Er zog sich still zurück. In den Schatten und die Einsamkeit des Gartens. Aber vor allem in die Dunkelheit seines Herzens.   

Sophie-Malin Kulisch 10. Klasse