Geschichte erzählt – ein Zeitzeuge berichtet

Rund 15 Millionen Deutsche waren am Kriegsende und nach 1945 Flüchtlinge oder wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Diese Tatsache und die Parallelen zur Gegenwart machte der 1938 geborene Alfons Zeh in einer Geschichtsstunde der besonderen Art sehr emotional deutlich.
In den Unterricht des Gymnasiums eingeladen, schilderte der Zeitzeuge seine persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen an das Kriegsende und die Vertreibung aus seinem früheren Heimatort Lagowitz im heutigen Polen.
Viele Dokumente wie alte Fotografien und Karten illustrierten seinen Vortrag, der immer wieder dazu einlud, Nachfragen zu stellen und Herrn Zeh zu interviewen.
Herzlichen Dank für dieses Stück erzählte Zeitgeschichte, das die Biografie des Zeitzeugen Alfons Zeh traumatisch bis in die Gegenwart geprägt hat und der sein Engagement in den Schulen als angemessene Bewahrung der Erinnerungen der Flüchtlinge und Vertriebenen versteht.

ThomasS

 

Zeitzeuge der Vertreibung Alfons Zeh bei seinem Bericht – den man hier nachlesen kann

Alfons Zeh
aus Lagowitz / Kreis Mesewitz / Obrawalde (Neumark)
Jahrgang 1938

Bis ich sechs dreiviertel war, lebten meine Familie und ich in Lagowitz. Lagowitz war ein Dorf
mit nur einer durchgehenden Straße. Hier lebten weniger als 200 Leute. Ich ging in den Vorschulkindergarten
bis in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 die russische Front bei uns war.
Niemand durfte das Dorf vorher verlassen, wir mussten ausharren. Der Ortgruppenleiter
hatte sogar noch 1944 zwei Panzersperren oberhalb und unterhalb des Dorfes errichten lassen.
In die obere fuhr ein russischer Panzer, wobei sich ein Schuss löste, der in unser Nachbarhaus
einschlug. Der Giebel war völlig zerstört und die Wand durchlöchert. Die Russen
trieben die Bevölkerung nach oben und nach unten aus dem Dorf, weil sie bei der Durchsuchung
des Dorfes noch drei deutsche Soldaten aufgefunden hatten. Wir standen alle auf
einem Feld, wie lange, kann keiner sagen. Aber es war Winter, so 14-15Grad minus und 30-
35 cm Schnee. Bei der Erschießung der deutschen Soldaten mussten alle zuschauen. Dann
durften wir nicht mehr ins Dorf hinein, sondern sind über Wiesen, Äcker und Gräben. Die
Männer, mein Vater war auch dabei, suchten nach einem Übergang, den sie dann in dem
Vorfluter fanden. Wir brachen eine Scheune von hinten auf und sind dort hinein, das halbe
Dorf. Wir hatten nichts weiter, als das, was wir anhatten. In der Scheune verbrachten wir die
Nacht. Am Morgen hörten die Männer das Vieh schreien. Während der Bauernhof und das
Dorf leer waren, war aber das Vieh zurückgelassen worden. Also wurden die Kühe gemolken,
Mehl war noch gefunden worden und alles kam in einen großen Waschkessel. Das war
unsere erste Mahlzeit, so eine Milchmehlsuppe. An diesem Morgen sagte mein Vater zu
meinem Bruder: „Junge, ich gratuliere dir zu deinem zehnte Geburtstag. Den wirst du dein
ganzes Leben nicht vergessen.“
Das war gleichzeitig der Tag, an dem die noch arbeitsfähigen Männer verschleppt wurden.
Mein Vater war 39, hatte verkrüppelte Hände und einen schweren Herzfehler, aber er und
weiter vier Männer aus Lagowitz wurden genauso verschleppt wie Männer aus dem Nachbardorf.
Der Nachbar konnte uns später berichten, dass mein Vater tot war. Er gab sogar darüber
eine eidesstattliche Erklärung ab.
Einen Tag vor unserer Vertreibung hatten wir noch eine Einquartierung, ein Mann mit Frau
und Kind und einem lahmenden Pferd. Der Mann muss bei der SS, SA oder so was gewesen
sein, zumindest wusste er, was auf ihn zukommt. Uns wurde später erzählt, dass er und sein
Sohn sich in der Scheune erhängten. Mein Vater hat die Leichen in der Scheune unter einem
Strohhaufen eingebuddelt. Es war die einzige fast frostfreie Stelle. Die Frau hat dann bis
zum Sommer, solange blieben wir im Dorf, zwei Gräber angelegt.
Es war der 24. Juni, Johannistag. Unsere Johanniskirche war schön geschmückt, wir feierten
in der Kirche. Am nächsten Tag ging ein Pole mit einer Glocke durchs Dorf und verkündete,
dass alle Deutschen innerhalb von zwei Stunden mit 20 Pfund Handgepäck das Dorf zu verlassen
hatten. Alte, Schwerkranke und Kleinstkinder sollten gefahren werden. Mein Großvater
blieb mit seinem kleinen Köfferchen vor dem Haus sitzen, das ist meine letzte Erinnerung
an ihn. Wir erfuhren später, dass er in einem Massengrab bei Eberswalde liegt. Wie er da
hingekommen ist, weiß keiner. Er soll mit der Karre unterwegs gewesen sein.
Meine Mutter hatte unseren Kinderwagen vollgepackt mit Weizen, Schmalz, einem Buttertopf
und anderen Lebensmitteln. Dazu kamen die Betten für jedes Kind. Dafür bewundere ich
sie heute noch, jeder von uns, egal wo wir waren, hatte ein Federbett und ein Kopfkissen.
Das wurde in einen Sack gesteckt und zur Nacht herausgeholt. Die Kleidung wurde ja nicht
ausgezogen und wo Wasser war, haben wir uns gewaschen.
Die Fluchtrouten waren vorgeschrieben. Solang man sehen konnte, immer die Strasse entlang.
Die erste Nacht haben wir im Straßengraben verbracht. Nach der ersten Station trafen
wir auf meine Tante, die Schwester meiner Mutter.
Bei Gartz sind wir dann über die Oder. Die festen Brücken in Frankfurt und Küstrin waren
gesprengt. So sind wir über die Notbrücke. Diese Brücke schwankte schon so sehr, dass der
Posten genau vor meiner Mutter absperrte. Meine Tante, mein Bruder und ich waren schon
auf der anderen Seite. Solche Momente machten Angst und brennen sich ein.
Der nächste Ort hieß Reitwein und hier waren, ich weiß nicht, tausende von Menschen. Hier
durfte man zum ersten Mal selbst entscheiden, ob man allein weitergeht. Unser Ziel war Berlin,
Berlin-Kaulsdorf. Dort lebten meine Tante und mein Onkel. In ihrer Gartenlaube mit Herd
und Ofen lebten wir eine Woche. Das Problem war, das wir keinen Zuzug bekamen und damit
auch keine Lebensmittelkarten. Es hieß für den Kreis Meseritz ist die Ost- und Westprignitz
Auffangkreis und dann sind wir mit dem Zug zum Lehrter Bahnhof und nach Kyritz. Wir
haben drei Tage im Kartoffelbunker gelebt mit zirka 150 Menschen. Es gab drei Latrinen und
einmal am Tag kam `ne Gulaschkanone. Nach zwei Tagen ging es dann nach Tornow, dann
nach Rehfeldt. Dort sollten wir uns in drei Gruppen teilen, um in die nahe gelegenen Dörfer
verteilt zu werden, Wilhelmsgrille und Klosdorf. Wir kamen nach Klosdorf in die Schnitterkaserne,
mit noch drei Familien. zwei kleinere Zimmer und ein größeres. Hier schliefen wir auf
blankem Stroh, ohne Mobiliar. Am nächsten Tag kam der Verwalter des Dorfes und brachte
im Pergamentpapier Kartoffeln, Salz und Schmalz. Es war Erntezeit und Tante und Mutter
gingen in die Ernte, um uns durchbringen zu können.
Am 1. September 1945 bin ich eingeschult worden, barfuss, die Schuhe waren inzwischen
zu klein. Meine Tasche war aus einem Sack gemacht und die Schiefertafel hatte mein Onkel
aus Schiefer der Haltestelle hergestellt. Wir waren acht Jungs in der Klasse, es waren nur
drei Einheimische, die anderen waren Flüchtlinge und Vertriebene. Wie viele wir insgesamt
waren, weiß ich nicht, 1. – 4. Klasse in einem Raum. Ab 1949 bin ich dann nach Kyritz in die
Jahnschule.
Wie habe ich die Aufnahme erlebt?
Ich bin betteln gegangen, klaute Obst, war ein Junge durch und durch. So manch einer hat
uns nichts gegeben, uns davon gejagt, andere waren netter.
Wann bin ich hier angekommen?
Wir haben uns durchgesetzt, das musste sein, aber angekommen. Es hat über zehn Jahre
gedauert. Wir wurden immer wieder beleidigt und waren die Fremden.
Seit zwölf Jahren fahre ich jährlich in die Heimat. Das erste Mal war ich 1978 in Lagowitz.
Der alte Herr zeigte mir alles, zeigte mir das gesamte Grundstück. Ich erkannte sogar mein
Kinderbett in der Küche. Sie fanden auch die unter den Dielen versteckte Uhr (Regulator),
die er mir auch zeigte. Der alte Herr war sehr gastfreundlich, sprach auch ein wenig deutsch
und wir verstanden uns gut.
Meine Mutter war 1965 das erste Mal dort und sie haben gemeinsam unsere vergrabene
Truhe gefunden. Daraus nahm sie sich eine Tasse, eine Untertasse und einen Teller mit,
mehr wollte sie nicht. 1965 gab es sogar noch die zwei Gräber, die 1945 angelegt wurden.
Sie wurden durch die polnischen Bewohner weiter gepflegt.
1956 unterschrieb ich den Lehrvertrag als Schuster, habe meinen Meister gemacht und erst
vor zehn Jahren das Gewerbe abgemeldet.
Gern fahre ich in die Heimat, aber zurück möchte keiner mehr.

Nach einem Interview, geführt von Dagmar Jurat
http://www.flucht-gestern-und-heute.de/data/PDF/alfons_zeh.pdf, 28.04.2017, 11:22 Uhr

 

Pia sagte Herrn Zeh ein herzliches Dankeschön für seine interessanten und bewegenden Ausführungen

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