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Luther in Wusterhausen

Luther in Wusterhausen

Wer Buchlesungen besucht, läuft mitunter Gefahr, an einen Autor zu geraten, der zwar schreiben, aber nicht wirklich vortragen kann. Das war am 17.10.2017 in Wusterhausen ganz sicher nicht der Fall. Der Romancier Tilman Röhrig stellte im Rahmen der Reihe „ Literarischer Bilderbogen“ der Bibliotheken des Landkreises sein im letzten Jahr erschienenes Werk „ Die Flügel der Freiheit“ vor. Dabei griff der gelernte Schauspieler, der seit über 40 Jahren als Autor unterwegs ist, so einige Male in die „Trickkiste des szenischen Lesens“ . Langweilig wurde es an diesem Abend nie und dass das Thema „ Reformation“ durchaus nicht immer bierernst „abgehandelt“ werden muss, dafür lieferte der Vortragende mehr als einmal den Beweis.

„Die Flügel der Freiheit“ nimmt uns mit auf eine Reise in das beginnende 16. Jahrhundert, also in eine Zeit bahnbrechender Veränderungen, zu denen unbestritten die von Luther in Gang gesetzte Reformation gehört. Der Thesenanschlag 1517 schlug so richtig ein und Karl V schlug 1521 zurück auf dem Reichstag zu Worms, er verhängte die Reichsacht über den Reformator, damit war dessen Leben „keinen Pfifferling mehr Wert“ und nur der Initiative Friedrich des Weisen (Kurfürst von Sachsen) ist es zu verdanken, dass wir heute auf eine Bibelübersetzung Luthers zurückgreifen können.

Hier etwa setzt die Handlung des Romans ein. Der 38jährige Luther sitzt in einer Art „Zeugenschutzprogramm“ als Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach in Thüringen und vertreibt sich die Zeit mit besagter Übersetzung des „Neuen Testaments“ ins Deutsche, damit schafft er übrigens so nebenbei die Grundlagen einer einheitlichen Literatursprache im Deutschen. Für die meisten Menschen wäre das wohl mehr als genug „Dienst an der Gesellschaft“, aber Luther will mehr, vor allem will er weg aus seinem „unfreiwilligem Leben als weltlicher Adliger“ zurück in seine Kutte, zurück nach Wittenberg, dorthin wo alles mit dem berühmten Thesenanschlag begann und wo die Arbeit noch lange nicht beendet ist. Ein ehemaliger Mitstreiter, Thomas Müntzer, hat sich radikalisiert und gefährdet damit das Lebenswerk des Dr. Martinus, wie er im Roman genannt wird. Neben den beiden Rivalen begegnen dem Leser natürlich auch Figuren, die der Alltagswelt entstiegen scheinen, sozusagen Menschen „wie du und ich“, deren Leben ordentlich durcheinander gerät in den Wirren der Zeit. Wie das passiert und mit welchen Folgen für die Romanfiguren, das erfährt, wer sich entschließt, das Buch zu lesen. Inzwischen dürfte auch in unserer Bibliothek ein Exemplar bereitliegen.

Ps. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle unserer Kollegin Simone Schütte. Ihrem sicheren Blick für lohnenswerte Kulturveranstaltungen und ihrer Initiative bei der Organisation der Eintrittskarten ist es zu verdanken, dass die Fachkonferenz Deutsch einen gleichermaßen anspruchsvollen wie amüsanten Abend miteinander verbringen konnte.

Andreas Müller